Meine Geschichte - von 100 auf 0

Ausbildung Behindertenbegleithund in Kropp
Hallo liebe/r Leser/in,
ich heiße Marion, und bin eine Freiheitsrebellin und ein bewusster Erfahrungsjunkie :-).
Ich bin total aufgeregt euch heute meine Geschichte zu erzählen…
Es gibt für mich irgendwie ein Leben vor dem 26. Juni 1994 und eins danach 🙂
… eine 2. Chance, die ich geschenkt bekommen habe …
Meine Kindheit war schön und auch herausfordernd
Ich bin 1973 mit einer Kiefer – Lippen – Gaumenspalte geboren worden. Ich hatte viele Op ´s bis zum 18. Lebensjahr. Ich war ein glückliches, energiegeladenes Kind, das gerne lachte,Tiere liebte und gerne in der Natur unterwegs war. Ich hatte eine tolle Familie und liebte es Streiche zu machen. Ich war, wie meine geliebte Oma so gerne sagt „Hans Dampf in allen Gassen“… ein neuer Impuls und ich habe alles stehen und liegen gelassen und mich voller Freude und Neugierde dem Neuen zugewandt. Spätestens im Kindergarten wurde mir von Außen gespiegelt, daß ich anders war mit meinen Narben im Gesicht … ich habe das als Kind nicht verstanden deshalb gehänselt zu werden, aber es hat mich nur noch stärker gemacht.
Der Sport war meine Leidenschaft – immer in Bewegung
Ich liebte meine Pferde und war immer erfolgreicher im Reitsport unterwegs. Ich probierte die unterschiedlichsten Sportarten aus wie Schwimmen,Tanzen, Taekwondo, Tennis und viele mehr. Für mich war es immer wichtig in den Sportarten gute Leistungen zu zeigen… nur einfach so betreiben… eher nicht mein Ding …diese Einstellung begleitet mich bis heute. Ich habe die Bewegung sehr stark gebraucht und konnte mir nie vorstellen darauf zu verzichten ….
Der Tag meines Unfalls
… dann kam der 26. Juni 1994 der von jetzt auf gleich mein Leben komplett veränderte …
Es war ein sehr heißer Tag als ich auf einem Reitturnier mit meinem damals 6 jährigen Pferd Winzer bei einer Springprüfung startete. Ich habe schon beim Anreiten auf das Hinderniss gespürt, daß Winzer nicht so richtig zum Hinderniss hingezogen hat. Hat er schon gespürt, was kommen wird … ? Wir haben uns über dem Hindernis überschlagen und er ist auf mich gefallen. Ich habe sofort gespürt, „scheiße … ich kann mich nicht mehr bewegen“. Ich habe schulterabwärts nichts mehr gespürt. Ich sagte schon als ich noch auf den Rettungswagen wartete …. „Mist Papa, ich habe eine Querschnittlähmung.“  Dies war für mich als junger, sehr sportlicher Mensch bis zu diesem Zeitpunkt immer eine Horrorvorstellung gewesen – so nach dem Motto: „Wenn ich mich nicht mehr bewegen könnte … würde ich lieber sterben wollen.“
Der Sturz … und dann ins Krankenhaus
Na ja, der Notarzt kam, ich wurde nach Gießen ins Krankenhaus gebracht, an 2 aufeinander folgenden Tagen operiert.  Es wurde zu diesem Zeitpunkt eine komplette Querschnittlähmung ab dem 3 Halswirbel diagnostiziert und meinen Eltern gesagt: Seien Sie froh, wenn ihre Tochter mal mit dem Mund einen Elektrorollstuhl wird bedienen können.“ Ich habe von diesen Aussagen zum Glück nichts mit bekommen … ich hatte eher mit anderen Dingen zu tun wie z.B. wie bekomme ich die Fliege aus meinem Gesicht wenn ich nicht den Arm dorthin bewegen kann.
Mit dem Hubschrauber in die Rehaklinik
Nach ein paar Tagen wurde ich in die Rehaklinik nach Heidelberg mit dem Hubschrauber verlegt und es sollten noch einige Herausforderungen auf mich warten… Durch die eingesetzte Platte zur Stabilisierung der Halswirbelsäule wurde meine Speiseröhre verletzt. Ich wurde noch mehrmals daran operiert, durfte mehrere Monate nichts essen und durfte auch den Speichel nicht schlucken.
Ich lag im Bett … bewegungslos und wurde krass mit mir selbst konfrontiert. Alle Pläne, die man so als junger Mensch macht waren plötzlich komplett über den Haufen geworfen worden … von 100 auf 0 Bammmh… Perspektivlosigkeit machte sich in meinem Umfeld und dann auch in mir breit. Mir wurde meine Situation immer mehr bewusst und gleichzeitig wollte ich meine Familie, meine Freunde trösten, für die es irrsinnnig schwer war mich so da liegen zu sehen … zu 100% auf Hilfe angewiesen, 15 kg leichter und künstlich ernährt.
Wie gehe ich mit meiner neuen Situation um?
Ich habe mich von Anfang an dagegen gewehrt mir von Anderen sagen zu lassen, was noch geht und was nicht mehr gehen wird. Den aktuellen Zustand habe ich selbst gespürt, aber ich habe die Herausforderungen sportlich angenommen und wollte mir von den Ärzten und meinem restlichen Umfeld nicht sagen lassen was zukünftig alles nicht mehr gehen wird … was die schulmedizinischen Bücher bei meiner Lähmungshöhe vorgeben, was noch möglich ist.
Mein Leben im Rollstuhl beginnt
Ich wurde in einen Rollstuhl gesetzt und begann mit den Therapien,ich lernte neue Freunde kennen, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich. Da war es total egal ob wir Deutsche, Italiener, Türken oder Amerikaner waren – wir saßen alle im gleichen Boot. Ich war fest entschlossen mir mein Leben zurück zu erobern und fand eine große Stütze in meiner Familie, meinen Therapeuten, Krankenschwestern und meinen besten Freunden. Ich hatte immer wieder Tiefpunkte, neue Operationen, die mich wieder zurück warfen. Das alles wurde mir durch die Gemeinschaft der Patienten, den Unternehmungen mit den Therapeuten und den leckeren Nudeln der italienischen Mamas versüßt (als ich dann endlich wieder essen durfte 🙂 ).
Meine ersten Erlebnisse mit meinen geliebten Pferden
Eine Krankenschwester, die ich sehr lieb gewonnen hatte, versprach mir „wenn du mehrere Stunden im Rollstuhl sitzen kannst nehme ich dich mit zu meinem Pferd” … das hat mich motiviert immer länger in der sitzenden Position auszuhalten … sie nahm mich mit zu ihrem Pferd :-).
Ein Rollstuhlfahrer kam zu mir ins Zimmer, hat mich mit seiner Lebensfreude angesteckt und nahm mich trotz meiner Halskrause mit auf seine Kutsche und wir fuhren durch die Natur. Das gab mir meine Lebensfreude zurück und die Zuversicht, daß das Leben auch im Rolli richtig gut weitergehen kann.
Der Entlassungstag aus der Klinik naht
Ich war ca. 11 Monate in der Reha als der Entlassungstag im Mai 1995 kam. Ich wollte gar nicht weg … ich hatte neue Freunde gefunden und wahr in einem geschützten Raum …einem Lebensraum wo das Sitzen im Rollstuhl und alle organischen Herausforderungen, die eine Querschnittlähmung sonst noch so mit sich bringt, nichts besonderes oder bemitleidenswertes mehr waren.
Ich bin wieder zuhause Juhuu oder Drama?
Als ich zuhause ankam fiel ich erst einmal in ein Loch. Ich kam zurück in mein altes Zuhause aber ich war nicht mehr Dieselbe …
Die Fragen kamen auf …
  • Was mache ich jetzt?
  • Wie komme ich hier zuhause im Alltag klar?
  • Wie sieht meine Zukunft aus?
  • Bin ich als Frau noch attraktiv?
  • Werde ich einen Partner finden, der mich so liebt wie ich bin?
  • Wie sieht meine berufliche Zukunft aus?
  • Werde ich je wieder ein selbständiges Leben führen können? …“
Das Leben geht weiter … Arbeit … Fahrsport … Reisen … Partnerschaft.
Ich begann meine täglichen Therapien, fuhr mit meinem Hund Cindy, die mich seit der Entlassung aus dem Krankenhaus treu begleitete, im Elektrorollstuhl in die Natur. Nach einigen Monaten begann ich stundenweise wieder beim Finanzamt zu arbeiten. Meine Oma begleitete mich und ersetzte mir meine Hände. Bis ich wieder Autofahren konnte dauerte es noch einige Jahre …es gab mir nochmal ein mega Stück Freiheit zurück. Mein körperlicher Zustand verbesserte sich weiter und ich begann mit dem Fahrsport. Ich nahm mit meinem Pferd Goldi an Fahrtunieren teil und wir waren sehr erfolgreich. Ich begann mit meinem Bruder zu reisen und entdeckte im Rolli per Auto, Schiff und Flugzeug neue Länder und Kulturen.  Ich eroberte mir immer mehr Lebensqualität zurück und lernte 2005 bei einer AIDA Schiffsreise meinen heutigen geliebten Mann Werner kennen. 2006 zogen wir zusammen und sind seitdem ein glückliches Paar. Wir reisen gerne mit dem Wohnwagen durch Europa und geniessen das Campen und die damit verbundene Freiheit sehr. Immer dabei ist unser heutiger Hund Anton … ebenfalls ein Camper durch und durch :-).
Yes … ich habe mir mein Leben zurückerobert
Ich bin sehr dankbar und stolz, was ich in den letzten 20 Jahren erreicht habe. Ich habe mir das Leben zurück erobert was ich mir damals in der Klinik vorgenommen habe.
 Ich möchte weiter wachsen und meinem inneren Ruf folgen 
Anfang letzten Jahres habe ich gespürt, dass da noch mehr sein muß …ich habe gespürt, daß mehr Potenzial in mir steckt und ich meine Erfahrungen gerne weitergeben möchte.
  • Nur wie?
  • Braucht das jemand?
  • Kann ich das überhaupt?
Ich beschäftige mich seitdem mit meiner persönlichen Weiterentwicklung, habe mich auf die Reise begeben meine Berufung zu erkennen und möchte mir mit meinem Partner eine gemeinsame berufliche Zukunft in einem ortsungebundenen Herzensbusiness aufbauen. Ich möchte meine Gaben, Talente und Erfahrungen der Welt schenken und Menschen Mut machen.
Egal welche Herausforderungen uns das Leben stellt – es lohnt sich diese sportlich anzunehmen und zu meistern. Es lohnt sich immer wieder aufzustehen, denn das Leben ist so wunderbar und wir sollten alle unser Leben feiern!“
Es ist mir wichtig zu zeigen, daß wir alle für unser Leben zu 100% die Eigenverantwortung übernehmen und vom ehemaligen Opfer zum Schöpfer werden können.
Wenn wir uns selbst hemmungslos lieben lernen, können wir Liebe schenken und bekommen sie auch wieder zurück … das ist soooo mega schön. Ich befinde mich da immernoch selbst auf dem Weg, darf immer mehr Fazetten an mir erkennen und lieben lernen und auch mir fällt es manchmal schwer in den an mich gestellten Herausforderungen ein Geschenk zu sehen. Was meinen Unfall betrifft bin ich aber zu 100% davon überzeugt…ich wäre ohne ihn nicht dort wo ich heute bin – ich wäre nicht die Marion, die ich heute bin und das ist verdammt nochmal gut so … I love it!!!
Lass uns gemeinsam das Leben rocken … in Ruhe und Kraft … 🙂 !!!
Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.