Mein Weg

Für mich gibt es ein Leben vor und nach dem 26. Juni 1994.

Meine Kindheit war schön und gleichzeitig herausfordernd. Eine Vorbereitung auf das, was noch kommen sollte!?

Ich wurde am 19. April 1973 (in Braunfels-Hessen) mit einer Kiefer-Lippen-Gaumenspalte geboren, – es folgten 16 Operationen bis zu meinem 18. Lebensjahr. Ich war ein glückliches, energiegeladenes Kind mit einem starken Willen. Ich lachte, liebte Tiere und war gerne in der Natur unterwegs, – ich liebte es, Streiche zu machen und war Hans Dampf in allen Gassen”.

Spätestens im Kindergarten wurde mir erbarmungslos von außen gespiegelt, dass ich anders war – mit meinen Narben im Gesicht – man hat mich schlecht verstanden. Als Kind verstand ich nicht, weshalb ich gehänselt wurde, – doch dies hat mich nur stärker gemacht!

DER SPORT – DIE BEWEGUNG – MEINE LEIDENSCHAFT

Ich liebte von klein auf meine Pferde und war sehr erfolgreich im Reitsport unterwegs. Ich probierte mich in unterschiedlichen Sportarten aus und wollte dabei immer gute Leistungen erbringen. Ein Leben ohne ständig in Bewegung zu sein – war damals undenkbar für mich.

DER UNFALLTAG

Der Tag des 26. Juni 1994, der mein Leben und das meiner Familie komplett veränderte, – ausgebremst von 100 auf 0!

Ich startete an diesem sehr heißen Juni Tag mit meinem 6-jährigen Pferd Winzer” auf einem Springturnier. Der gleiche Platz, wo ich mit 12 Jahren meine Springkarriere begann. Mein Pferd zögerte kurz vor dem Hindernis, hat er schon gespürt, was kommen wird? Wir überschlugen uns über dem Hindernis und Winzer” fiel fatalerweise auf mich, ich spürte Schulter abwärts nichts mehr. Noch im Sand bewegungslos liegend, sagte ich zu meinem Vater: Mist Papa, ich bin querschnittsgelähmt.”

Dies war zum damaligen Zeitpunkt schon immer eine Horrorvorstellung für mich – nach dem Motto, wenn ich mich nicht mehr bewegen könnte, würde ich lieber sterben!”

Ich wurde in der Gießener Uniklinik zweimal operiert – die Diagnose eine komplette Querschnittslähmung ab dem 3. Halswirbel”. Die Prognose der Ärzte – für meine Familie der Super-GAU: Seien sie froh, wenn ihre Tochter mal mit dem Mund einen Elektrorollstuhl wird bedienen können!”

Ich bekam diese Aussage damals glücklicherweise nicht mit. Ich hatte mehr damit zu tun, wie ich z. B. eine Fliege aus meinem Gesicht verscheuche, wenn ich den Arm nicht bewegen kann.

MIT DEM HUBSCHRAUBER IN DIE REHAKLINIK

Ein paar Tage später folgte der Hubschrauberflug in die Reha-Klinik nach Heidelberg – Schlierbach und es sollten noch einige Herausforderungen auf mich warten. Durch die eingesetzte Platte, die meine Halswirbel stabilisierte, war die Speiseröhre verletzt worden. Es folgten weitere drei Operationen und schmerzhafte Momente. Ich durfte mehrere Monate nichts essen, durfte den Speichel nicht schlucken und wurde rund um die Uhr abgesaugt.

Ich lag im Bett, bewegungslos in vollkommener Abhängigkeit von meinem Umfeld. Ich wurde krass mit mir selbst konfrontiert. All meine Pläne für mein Leben schienen zerstört und meine gesetzten Ziele plötzlich unerreichbar. Perspektivlosigkeit, das Gefühl von Ohnmacht und Orientierungslosigkeit machten sich in mir breit. Meine fatale Situation wurde mir immer bewusster und gleichzeitig wollte ich auch meine Familie und Freunde trösten – und stark sein. Für mich war es fast unerträglich schwer, sich so hilflos liegen zu sehen, vollkommen auf Hilfe angewiesen – 15 kg leichter und künstlich ernährt.

Mein UMGANG MIT DIESER SITUATION

Anfangs herrschte ein nicht wahrhaben wollen – ein Leben im Rollstuhl? Forget it! Eine kurze Zeit des Haderns folgte und dann traf ich eine richtige Entscheidung für mein weiteres Leben. Ich hatte die Wahl – Aufgeben und liegen bleiben, mit dem Leben abschließen oder meine aktuelle Situation so annehmen, wie sie gerade ist. Nach vorne schauen und jeden Tag alles mir Mögliche dafür zu tun, dass es ein guter Tag wird. Ich beschloss, dass ich mir ein richtig gutes Leben zurückhole, setzte mir neue Ziele und begeisterte mein Umfeld dafür.

Ich weigerte mich von Anfang an hartnäckig dagegen, mir von anderen sagen zu lassen, was geht und was nicht mehr gehen wird. Ich nahm die kommenden Herausforderungen sportlich an mit allen Höhen und Tiefen. Was die schulmedizinischen Bücher zu ihrer Lähmungshöhe und Möglichkeiten sagten, nahm und nehme ich bis heute nicht als absolute Wahrheit an.

DAS LEBEN IM ROLLSTUHL BEGINNT

Ich wurde in den Rollstuhl gesetzt, begann mit den Therapien und lernte neue Freunde kennen, die in einer ähnlichen Situation waren wie ich. Egal ob Deutsche, Italiener, Türken oder Amerikaner – sie saßen alle im gleichen Boot!”

Ich war fest entschlossen, mir mein Leben und Selbstständigkeit zurückzuerobern und fand eine große Stütze in meiner Familie, den Therapeuten, Krankenschwestern und besten Freunden. Ich erlebte immer wieder Tiefpunkte, neue Operationen, die mich zurückwarfen. Trotzdem konnte ich sich an den schönen Momenten erfreuen – an der Gemeinschaft der Patienten, den Unternehmungen mit den Therapeuten und den leckeren Nudeln der italienischen Mamas, (als ich sie endlich essen durfte).

DER ENTLASSUNGSTAG NAHT… WIE GEHT ES WEITER?

Mai 1995 – nach 11 Monaten, einer sehr herausfordernden und prägenden Zeit für mich, ich wollte gar nicht mehr nach Hause!

Ich hatte viele Freunde gefunden und war in einem geschützten Raum. Eine Umgebung, wo das Sitzen im Rollstuhl und alle organisatorischen Herausforderungen, die eine Querschnittlähmung mit sich bringt, nichts Besonderes oder Bemitleidenswertes waren.

WIEDER ZU HAUSE – JUHU ODER DRAMA?

Wieder zu Hause bei der Familie – ich hatte monatelang darauf hingearbeitet! Und da ist es, das Loch! Ich kam zurück in mein unverändertes Zuhause, – doch ich war nicht mehr dieselbe …

Fragen füllen den Raum:

  • Was mache ich jetzt?
  • Wie komme ich im Alltag” alleine klar?
  • Wie sieht meine Zukunft aus?
  • Bin ich so nutzlos” dasitzend noch etwas wert?
  • Werde ich einen Partner finden, der mich so liebt, wie ich bin?
  • Bin ich liebenswert?
  • Wie sieht meine berufliche Zukunft aus, – was kann ich schon noch tun?
  • Werde ich je wieder ein selbstständiges Leben führen können?
  • Und … Und … Und …

Ich fühlte mich einsam und sehnte mich nach Antworten.

DER WEG GEHT WEITER …

meIch bin von Herzen dankbar, dass ich mir wieder mein Leben zurückerobert habe. Dankbar, was ich wider aller Prognosen erreicht habe. Ich habe mein Versprechen an mich damals in der Klinik 1994 gehalten.

In den folgenden Jahren absolvierte ich trotz gesundheitlicher Herausforderungen begeistert und erfolgreich Aus- und Weiterbildungen zur Heilpraktikerin, TCM-Therapeutin und Coachin.

Plötzlich spürte ich den Ruf: Da geht noch mehr! Ich spürte den tiefen Wunsch in mir meine Erfahrungen und Erkenntnisse weitergeben zu wollen.

Der Weg war und ist nicht immer einfach gewesen. Umso wertvoller sind für mich die täglichen Erfolgserlebnisse, seien sie gefühlt auch noch so klein!

Seitdem beschäftige ich mich begeistert mit meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung und habe sie spannende Reise nach innen angetreten. Ich lebe jeden Tag voller Freude meine Berufung.

Ich libe es, ich täglich weiterzubilden und online, auf Reisen, als “Wegbegleiterin” – als Mentorin auf Augen – und Herzhöhe Menschen in herausfordernden Krisenzeiten zu unterstützen.

Als Vorstandsmitglied und Peer der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ e.V.) begleite ich frischverletzte und deren Angehörige auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Ich kann heute sagen, dass ich den Reitunfall als Geschenk ansehe, – so heftig auch die Konsequenzen bis heute sind.

Ich wäre nicht die Marion, der Mensch, der ich heute bin. Der Unfall gab mir die Möglichkeit, “neue Wege” zu gehen. Ich bin enorm daran gewachsen und lebe immer mehr das Leben, dass ich mir von Herzen wünsche und ich bin glücklich.”

Egal, welche Herausforderung uns das Leben stellt, – es lohnt sich, diese sportlich anzunehmen und zu meistern. Es lohnt sich immer wieder aufzustehen, denn das Leben ist so wundervoll und wir sollten unser Leben feiern.”

AUFSTEHEN BEGINNT IM KOPF!”

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