openPR · 10.08.2026 · Pressemitteilung von Marion Bender
Wir bewundern Menschen, die nach einer Krise wieder aufstehen. Aber was passiert mit denen, die gerade nicht können?
Wir lieben Geschichten vom Wiederaufstehen. Menschen, die nach einem Schicksalsschlag zurückkommen. Die kämpfen. Die Grenzen überwinden. Die weitermachen, obwohl eigentlich alles dagegenspricht.
Ich erzähle selbst so eine Geschichte.
Und trotzdem beschäftigt mich seit einiger Zeit eine Frage, die dazu nicht recht passen will: Was ist eigentlich mit den Menschen, die gerade nicht wieder aufstehen können?
Warum uns Geschichten vom Wiederaufstehen berühren
Solche Geschichten machen Mut. Das ist kein Zufall. Sie zeigen, dass es weitergehen kann, auch wenn im Moment nichts danach aussieht.
Ich weiß, wie viel so ein Beispiel wert sein kann. 1994 veränderte ein schwerer Reitunfall mein Leben. Die Diagnose: inkomplette Querschnittlähmung im Bereich der Halswirbelsäule. Es folgten Monate im Krankenhaus und in der Rehabilitation.
Und irgendwann stand da zum ersten Mal ein Rollstuhl neben meinem Bett.
Ich wollte nicht hinein.
Später habe ich mich zurück ins Leben gekämpft, war im Fahrsport erfolgreich und habe meine Erfahrungen schließlich zum Beruf gemacht. Man könnte daraus eine schöne Heldengeschichte machen. Eine Geschichte vom Kämpfen und Gewinnen.
Heute erzähle ich sie anders.
Der ungewollte Druck hinter gut gemeinter Bewunderung
Denn Bewunderung hat eine zweite Seite.
Wenn wir Menschen vor allem dafür feiern, dass sie schnell wieder funktionieren, sagen wir damit auch etwas darüber, was wir von allen anderen erwarten.
Wir sprechen unglaublich viel über Resilienz. Manchmal habe ich das Gefühl, wir meinen damit eigentlich: Bitte funktioniere möglichst schnell wieder.
Das ist selten böse gemeint. Es ist trotzdem Druck.
Denn was passiert mit einem Menschen, der gerade nicht wieder aufstehen kann? Der erschöpft ist. Der Zeit braucht. Der vielleicht noch gar nicht weiß, wie es weitergehen soll?
Er hört unsere Bewunderung für die anderen. Und misst sich daran.
Menschen sind keine Maschinen
Nicht alles lässt sich mit Willenskraft verändern.
Es gibt körperliche Grenzen. Krankheiten. Verluste. Erschöpfung. Lebenssituationen, für die es keine schnelle Lösung gibt.
Genau dort wird aus gut gemeinter Motivation schnell zusätzlicher Druck.
„Aufstehen beginnt im Kopf“ heißt für mich nicht: Du musst nur positiv genug denken, dann kannst du alles schaffen. Das wäre nicht nur falsch. Es wäre manchmal sogar grausam.
Auch starke Menschen dürfen erschöpft sein
Sätze wie „Kopf hoch“, „Du musst positiv denken“ oder „Du schaffst das schon“ gehören zum üblichen Repertoire, wenn jemand durch eine schwierige Zeit geht.
Heute höre ich bei solchen Sätzen genauer hin.
Natürlich kann ein „Du schaffst das“ unglaublich guttun. Aber manchmal braucht ein Mensch keinen Motivationsspruch. Manchmal braucht er jemanden, der sich neben ihn setzt und sagt: Ich sehe, dass es gerade verdammt schwer ist.
Für Unternehmen und Führungskräfte ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Auch dort hat Resilienz in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Problematisch wird es, wenn plötzlich der einzelne Mensch dafür verantwortlich gemacht wird, mit jeder Belastung zurechtzukommen. Wenn aus der Frage „Wie können wir diesen Menschen unterstützen?“ irgendwann die Frage wird: „Warum kommt er damit nicht besser zurecht?“
Was echte Unterstützung bedeutet
Nicht jeder Mensch muss in einer Krise sofort eine Lösung haben.
Nicht jede Pause ist ein Rückschritt.
Und nicht jedes Weiterfunktionieren ist ein Zeichen von Stärke.
Echte Unterstützung fängt manchmal damit an, eine Frage nicht zu stellen: die Frage danach, wann es denn endlich wieder besser wird. Sie ist gut gemeint. Sie setzt aber eine Frist, die niemand einhalten kann.
Wir bewundern Menschen, die nach einem Schicksalsschlag wieder aufstehen. Das verstehe ich. Ich habe selbst lange genau diese Geschichte erzählt. Aber heute interessiert mich noch etwas anderes: Wie gehen wir mit einem Menschen um, solange er noch am Boden liegt?
Vielleicht zeigt sich Menschlichkeit genau dort. Nicht erst beim gelungenen Comeback, sondern vorher. In Krankenhäusern. In Unternehmen. In Familien. Unter Freunden. Überall dort, wo Menschen gerade nicht die Kraft haben, die andere von ihnen erwarten.
Was „Aufstehen beginnt im Kopf“ wirklich meint
Auch mein Verständnis von Mut hat sich verändert.
Früher habe ich Mut vor allem mit Kämpfen, Durchhalten und dem Überschreiten vermeintlicher Grenzen verbunden.
Heute ist meine Definition weiter: Manchmal ist Mut, weiterzugehen. Und manchmal ist Mut, zuzugeben: Heute kann ich nicht.
Das ist kein Widerspruch zu meiner Botschaft. Im Gegenteil.
Denn Aufstehen beginnt nicht mit einem perfekten Plan. Nicht mit einem Motivationsseminar. Und manchmal noch nicht einmal damit, tatsächlich aufzustehen.
Es beginnt mit einem Gedanken. Mit einer Entscheidung. Oder einfach mit der leisen Erkenntnis: So wie bisher möchte ich nicht weitermachen.
Der nächste Schritt darf danach sehr klein sein.
Wir müssen Menschen nicht ständig antreiben. Vielleicht sollten wir ihnen öfter zutrauen, ihren eigenen Zeitpunkt und ihren eigenen nächsten Schritt zu finden.
Auch in meinen Vorträgen spreche ich darüber, wie Mut stärken kann, ohne neuen Druck zu erzeugen. Ausführlicher erzähle ich davon in meinem Buch „Aufstehen beginnt im Kopf – Nichts hindert dich“.
Dieser Beitrag greift Gedanken aus einer Pressemitteilung von Marion Bender auf. Die vollständige Originalveröffentlichung finden Sie bei openPR.
