openPR · 08.09.2026 · Pressemitteilung von Marion Bender

Innere Stärke hilft Menschen. Aber sie darf nicht zur Antwort auf Arbeitsbedingungen werden, die Menschen dauerhaft erschöpfen.

Resilienz ist zu einem der großen Begriffe unserer Arbeitswelt geworden. Beschäftigte sollen lernen, mit Stress umzugehen, Veränderungen anzunehmen, Krisen zu bewältigen und auch unter hoher Belastung handlungsfähig zu bleiben.

Daran ist erst einmal nichts falsch.

Problematisch wird es an der Stelle, an der Resilienz zur bequemen Antwort auf unbequeme Fragen wird.

Was Resilienz leisten kann

Ich möchte den Begriff nicht kleinreden. Innere Stärke ist etwas Wertvolles. Sie hilft dabei, einen Rückschlag einzuordnen, statt sich von ihm bestimmen zu lassen. Sie hilft, einen nächsten Schritt zu finden, wenn der geplante Weg nicht mehr da ist.

Ich weiß, wovon ich spreche. 1994 hat ein schwerer Reitunfall mein Leben verändert. Seitdem lebe ich mit einer inkompletten Querschnittlähmung. Ich musste vieles neu lernen, gegen Prognosen ankämpfen, Hilfe annehmen und wieder Vertrauen entwickeln.

Diese Kraft gibt es. Sie ist real. Und sie lässt sich zu einem gewissen Grad entwickeln.

Aber innere Stärke ist nicht die Antwort auf jedes Problem. Und sie ersetzt nicht die Verantwortung von Führung und Unternehmen.

Wann innere Stärke zur stillen Erwartung wird

Wer als belastbar gilt, bekommt selten weniger zu tun.

Genau hier beginnt die Verschiebung, die mich beschäftigt. Aus einer Fähigkeit wird eine Eigenschaft. Aus der Eigenschaft wird eine Erwartung. Und aus der Erwartung wird irgendwann ein leiser Vorwurf, wenn jemand ihr nicht mehr entspricht.

Das passiert selten laut. Es passiert in Nebensätzen. „Die steckt das weg.“ „Der hält viel aus.“ „Sie hat das doch schon oft geschafft.“

Innere Stärke ist etwas Wertvolles. Aber sobald daraus die Annahme entsteht, dass ein Mensch deshalb immer noch ein bisschen mehr tragen kann, läuft etwas schief.

Der Unterschied zwischen Ermutigung und Druck

Gerade deshalb stehe ich dem Satz „Du musst nur an dich glauben“ inzwischen kritisch gegenüber.

Ich glaube sehr an die Kraft, die Menschen entwickeln können. Ich habe selbst erlebt, dass manchmal viel mehr möglich ist, als andere einem zutrauen. Aber daraus darf nicht die Botschaft werden: Wenn du es nicht schaffst, hast du eben nicht genug an dich geglaubt.

Ermutigung lässt einem Menschen die Wahl. Druck nimmt sie ihm. Der Wortlaut ist oft derselbe. Der Unterschied liegt darin, ob jemand auch Nein sagen darf.

Warum ein Training schlechte Bedingungen nicht verändert

In Unternehmen wird über Belastung häufig sehr schnell individuell gesprochen. Stressmanagement. Achtsamkeit. Resilienztraining. Selbstorganisation.

All das kann hilfreich sein. Ich halte nichts davon, solche Angebote pauschal abzuwerten.

Aber kein Training beantwortet die Frage nach Führung. Kein Seminar reduziert eine dauerhaft zu hohe Arbeitsbelastung. Und keine Übung zur Selbstregulation ersetzt eine Kultur, in der ein Mensch sagen darf: So geht es für mich nicht weiter.

Ich formuliere es gern so: Wenn zehn Menschen an derselben Stelle stolpern, sollten wir irgendwann nicht mehr nur darüber reden, wie sie besser fallen lernen. Vielleicht sollten wir uns die Stelle ansehen.

Welche Verantwortung Führungskräfte und Unternehmen tragen

Eine gesunde Unternehmenskultur zeigt sich nicht daran, wie viel Belastung Menschen aushalten.

Sie zeigt sich daran, wie mit ihnen umgegangen wird, wenn sie es gerade nicht können.

Das ist unbequemer als ein Workshop, weil es Entscheidungen betrifft: Prioritäten, Besetzung, Termine, Erwartungen. Es kostet manchmal Geld. Es kostet fast immer Ehrlichkeit.

Und es beginnt damit, hinzusehen, bevor jemand ausfällt.

Fragen, die Unternehmen sich stellen sollten

Wenn ich in Unternehmen spreche, erlebe ich immer wieder: Nicht die großen Konzepte bringen uns zuerst weiter, sondern ein paar klare Fragen:

  • Wo entsteht bei uns unnötiger Druck?
  • Welche Belastungen haben sich in den Alltag eingeschlichen und gelten inzwischen als normal?
  • Können Beschäftigte eine Grenze benennen, ohne als wenig belastbar zu gelten?
  • Hören wir zu, bevor Menschen ausfallen – oder erst danach?

Diese Fragen sind unspektakulär. Sie sind aber ehrlicher als jedes Leitbild.

Was „Aufstehen beginnt im Kopf“ für mich bedeutet

Meine zentrale Botschaft lautet seit Jahren: Aufstehen beginnt im Kopf.

Ich werde manchmal gefragt, ob das nicht genau die Haltung sei, die ich hier kritisiere. Ein Aufruf zum Weitermachen, egal wie.

Nein.

Aufstehen kann bedeuten, weiterzugehen. Es kann bedeuten, etwas Neues zu wagen. Aber manchmal beginnt Aufstehen auch mit dem Gedanken: Bis hierhin und nicht weiter.

Ich habe in meinem Leben beides gebraucht. Den Mut, eine Grenze zu überwinden. Und den Mut, eine Grenze anzuerkennen.

Deshalb gehören für mich innere Stärke und äußere Verantwortung zusammen. Menschen dürfen lernen, mit Krisen und Veränderungen umzugehen. Unternehmen und Führungskräfte dürfen sich im Gegenzug nicht aus der Verantwortung verabschieden, Bedingungen zu hinterfragen, die Menschen dauerhaft erschöpfen.

Resilienz darf Menschen stärken.

Sie darf niemals dazu dienen, schlechte Bedingungen erträglicher zu machen.

In meinen Vorträgen spreche ich darüber, wie innere Stärke und Verantwortung zusammengehören – und was Unternehmen konkret verändern können.

Dieser Beitrag greift Gedanken aus einer Pressemitteilung von Marion Bender auf. Die vollständige Originalveröffentlichung finden Sie bei openPR.

Resilienz am Arbeitsplatz: Warum innere Stärke allein nicht reicht